Reutte wird nicht nur einmal,

 sondern zweimal auf der Vorderseite des Mondes genannt!

The region around the Rheita Valley, a mosaic of 3 frames

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"Anton Maria Schyrle" - Priester - Astronom - Diplomat  (von Mag. Richard Lipp)

Unter den größten Persönlichkeiten, die das Außerfern hervorbrachte, ist Anton Maria Schyrle als einer der ersten zu nennen, obwohl das Wissen über ihn in seiner Heimat verblasst ist, in der astronomischen Wissenschaft dafür aber umso heller leuchtet. Die Familie der Schyrle war schon 1562 in Reutte ansässig. Das genaue Geburtsdatum von Anton Maria Schyrle ist nicht bekannt. Seinen eigenen Angaben zufolge dürfte er jedoch im Jahre 1604 in Reutte geboren sein. 
Sein Taufname war Johann Burkhard, Priester und Astronom. Mit 18 Jahren trat er in das Augustiner-Chorherrenstift Indersdorf in Bayern ein und kam 1623 zu einem dreijährigen Studium nach Ingolstadt, wo er auch mit der Astronomie vertraut wurde. An der Universität Ingolstadt eignete er sich in Theorie und Praxis die Kenntnis an, Linsen zu schleifen und sie durch den Wechsel von Konkav- und Konvexlinsen so anzuordnen, dass gewünschte Vergrößerungen erreicht wurden. Nach seinem Studium kehrte er jedoch nicht mehr zu den Augustinern zurück, sondern trat 1627 in Passau in den Kapuzinerorden ein. Sein Familienname ging der klösterlichen Tradition zufolge unter; sein Klostername Anton Maria erhielt den Zusatz „de Rheita“ (von Reutte). 1636 sandte ihn sein Orden als Lektor der Philosophie nach Linz, wo 1637 die für sein weiteres Leben in mehrfacher Weise schicksalhafte Begegnung stattfand. 

In diplomatischer Mission
Auf der Linzer Burg hielt Kaiser Ferdinand III. aus politischen Gründen den Kurfürsten Philipp Christoph von Sötern, Erzbischof von Trier und Speyer, gefangen. Schyrle diente diesem ab 1637 zunächst als Beichtvater und Berater, aber schon ab 1638 als Diplomat und Kurier, wozu er vom Papst die Reiseerlaubnis erhalten hatte. 1640 reiste er im Auftrag des Kurfürsten nach Rom zu Papst Urban VIII., um ihm über den Zustand der Diözesen Trier und Speyer zu berichten. Der Kaiser, durch diese vertraulichen Kontakte misstrauisch geworden, verbannte Schyrle 1641 aus allen habsburgischen Ländern. Dadurch kam es 1641 zur vorläufigen Trennung vom Kurfürsten, die vier Jahre dauern sollte. 
Bahnbrechende Erfindungen und Entdeckungen
Diese Zeit nützte Schyrle zu emsiger Forschungstätigkeit. 1642 machte Schyrle in Köln astronomische Beobachtungen und optische Messungen. 1643 erschien in Löwen sein wissenschaftliches Erstlingswerk. Schyrle wies nach, dass der Planet Jupiter nicht vier, sondern neun Monde besitzt und der Saturn sechs. (Heute kennt man 16 Jupitermonde und nimmt 18 bis 23 Saturnmonde an.) 1645 erschien sein wissenschaftliches Hauptwerk „Oculus Enoch et Eliae“, mit dem Schyrle sein binoculares Teleskop vorstellte. Die sinnbildliche Nennung der Propheten Enoch und Elias, die in der Ankunft Christi eine neue Welt erblickten, sollte darauf hinweisen, dass mit dem neuen Fernrohr ebenfalls neue Welten entdeckt werden können. 
1645 kehrte der Kurfürst aus der Gefangenschaft zurück. Schyrle zog zu ihm nach Trier und wurde als sein politischer Berater in die erbitterten Machtkämpfe um dessen Nachfolge hineingezogen. Seine Tätigkeit beim Kurfürsten gab ihm aber auch den finanziellen Rückhalt, seine teuren Forschungen fortzuführen. Als der Kurfürst 1652 starb, verließ Schyrle Trier, um einer Festnahme zu entgehen.
Verbannung und Tod
Seine Feinde ruhten jedoch nicht und entfesselten gegen ihn einen Inquisitionsprozess, der ihn bis an sein Lebensende beschäftigte. 1653 wurde er in Brüssel auf Anweisung aus Rom unter Arrest gestellt, konnte sich jedoch der Haft entziehen und kam nach einer Flucht über Frankreich bald nach Deutschland zurück. Er begann mit dem Bau eines rund drei Meter langen Fernrohres für den Mainzer Kurfürsten, den Erzbischof Johann Philipp von Schönborn.
1656 beorderte der Ordensgeneral Schyrle nach Rom, wies ihm Bologna als Aufenthaltsort zu, wo er nach kurzer Freiheit in Klosterhaft kam. 1657 verfügte Papst Alexander VII. seine Verbannung nach Ravenna. In der Verbannung entwickelte Schyrle nochmals große Schaffenskraft, als er ein leistungsstarkes Teleskop für den Kurfürsten von Mainz verfertigte. 1657 plante er, in Mainz die erste moderne Sternwarte der Welt einzurichten. Da er aber nie mehr die Freiheit erlangte, blieb dieses Vorhaben unverwirklicht. Er starb am 16. November 1660 in seinem Verbannungsort. 
Wissenschaftliche Wertung
Schyrle war ein Pionier der Fernrohrentwicklung. Als Fernrohrkonstrukteur überragte er Galilei und Johannes Keppler. Sein Teleskop aus vier konvexen Linsen ermöglichte bis dahin nicht erreichte Beobachtungen. Er brachte die exakte Planung, die eine serienmäßige Fertigung ermöglichte, in den Fernrohbau ein. 
Noch bedeutsamer waren seine theoretischen Ausführungen über das astronomische Fernrohr. Er schuf die noch heute gültigen Begriffe „Objektiv“ und „Okular“. Für die Entwicklung der Wissenschaft wurden seine optischen Theorien und sein Erfindungsreichtum in der Konstruktion ständig neuer Fernrohre entscheidend. Mit seinem binokularen Fernrohr erzielte er größere und schärfere Bilder als mit dem gebräuchlichen einrohrigen. 
Er bildete auch ständig Optiker aus. Einer seiner Schüler bot das von Schyrle entwickelte Teleskop den Engländern zum Kauf an. Die Briten stellten dieses Fernrohrs ab 1660 selbst her und setzten es für militärische Zwecke ein. 
Schyrle war ein Mann von reichem Wissen, bekannt als Mathematiker und Erfinder des besten Fernrohr seiner Zeit. Er schrieb auch ein Buch über Sternenkunde.


Reutte liegt nicht hinter dem Mond 


Reutte wird nicht nur einmal, sondern zweimal auf der Vorderseite des Mondes genannt.

Ein Krater und ein Tal tragen den Namen „Rheita“, was nichts anderes als „Reutte“ bedeutet. Der Krater Rheita/Reutte hat einen Durchmesser von 70 Kilometer und erreicht eine Höhe von 4400 Meter. Das „Reutte-Tal“ (Vallis Rheita) - eigentlich eine Kette von Kratern - hat eine Länge von rund 180 Kilometer und eine maximale Breite von 24 Kilometer. 
Die Nennung auf der Vorderseite des Mondes verdankt Reutte seinem berühmten Sohn Anton Maria Schyrle. Die Benennung der sichtbaren Mondseite geht auf den italienischen Astronomen Riccioli zurück, der 1660 die verdienstvollsten Wissenschaftler seit Beginn der Zeitrechnung mit Namenszuweisungen für die Mondstrukturen ehrte. Pater Anton Maria Schyrle demnach einer der bedeutendsten Wissenschaftler seit Christi Geburt! - wurde, was höchst selten ist, gleich zweimal mit der Namenbenennung „Rheita“ bedacht. 
Diesen Krater und dieses Tal können auch Laien mit einem guten Fernglas in der Phase zwischen Halb- und Vollmond ausmachen.


Literatur: Alfons Thewes, Oculus Enoch ... Ein Beitrag zur Entdeckungsgeschichte des Fernrohrs, Oldenburg 1983, und andere Veröffentlichungen desselben Autors.